Der Tod kam immer ...
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Horst-polnisch

Das Buch ist erfreulicherweise auch auf dänisch (2004),  englisch (2005), polnisch (2006), schwedisch (2009), russisch (2009) und finnisch (2010) erschienen.

Schmidt, Horst, Der Tod kam immer montags. Verfolgt als Kriegsdienstverweigerer im Nationalsozialismus, hrsgg. von Hans Hesse, Essen 2003, 160 S., 8 Abb., ISBN 3-89861-201-5, 14, 90 €.

Horst

Einleitung

“Wir sind die Letzten. Fragt uns aus!” Imre Kertesz

Im März 1997 war ich eingeladen worden, anläßlich einer Ausstellungseröffnung in Bad Herzberg/Harz einen Vortrag über das bei Göttingen gelegene Frauenkonzentrationslager Moringen zu halten. Der inhaltliche Schwerpunkt meines Vortrags lag auf der NS-Verfolgungsgeschichte der Zeuginnen Jehovas, da sie in dem Frauen-KZ einen sehr hohen Anteil an den Häftlingen innehatten und die Ausstellung sich mit den Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus befasste.
Auf dieser Veranstaltung lernte ich Horst Schmidt kennen. Als Zeitzeugen hatten die Veranstalter ihn und seine Frau Hermine gebeten, über ihre Erlebnisse, über ihre Verfolgung als Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus zu berichten. Hermine Schmidt war in dem Vernichtungslager Stutthof bei Danzig inhaftiert, er, Horst Schmidt, hatte den Kriegsdienst verweigert und war dafür vor dem Volksgerichtshof von Freisler zum Tode verurteilt worden. Ebenso wie seine “Mutter”, Emmy Zehden, weil sie zwei junge Männer und ihren “Sohn” versteckt hatte, die dem Militärdienst entgehen wollten. Emmy Zehden wurde in BerlinPlötzensee hingerichtet. Die Straße vor der heutigen Gedenkstätte ist nach ihr benannt (seit 2005 auch eine Straße in Horsts Geburtsort Lübbecke/Westfalen).
Zwar kannte ich die Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee, kannte auch den Namen Emmy Zehden, dass sie aber eine Zeugin Jehovas war, dass Horst Schmidt ihr “Sohn” überlebt hatte, dass die überwiegende Mehrzahl der Kriegsdienstverweigerer im Nationalsozialismus Zeugen Jehovas waren, erfuhr ich erst an diesem Abend.
Die Aula des Gymnasiums war mit über 500 Menschen gefüllt. Dennoch herrschte eine hochkonzentrierte, gespannte Stille in dem Saal, als das Ehepaar zu erzählen begann. Mich beeindruckte die zurückhaltende, nachdenkliche Art mit der uns Horst Schmidt sein Schicksal in der NS-Zeit anvertraute, das Unausgesprochene in seinen Worten, all das, war er nicht erzählte, sondern nur andeutete, skizzierte, um so sparsamer beschrieb, je näher er dem Kern kam: Der Todeszelle in Brandenburg/Görden und seines schier unbegreiflichen Überlebens, für das er keine Worte fand. Gestik und Mimik freilich ließen um so mehr keinen Zweifel über das, was die Erinnerungen an diese Tage in ihm auslösten, die er gequält zwar, aber uns, dem Publikum, dennoch mitteilte. Er verheimlichte uns nicht, dass er mit den Tränen kämpfte, dass die Erinnerung ihn noch immer verwundete.
Horst Schmidt erzählte an diesem Abend, wie er und seine Eltern Zeugen Jehovas wurden; er beschrieb sein Leben in der Illegalität, gehetzt von der Gestapo, versteckt in der Wohnung einer Jüdin, die über der seiner Eltern lag, die er nicht mehr betreten durfte; er erläuterte seine Entscheidung, den Kriegsdienst in der Wehrmacht zu verweigern, wohl wissend, dass er mit dem Todesurteil rechnen musste, wenn er aufgespürt werden sollte; er schilderte uns seine Tätigkeit als Kurier, der die illegalen Schriften der verbotenen Religionsgemeinschaft über das Deutsche Reich verteilte; wie er seine spätere Ehefrau Hermine in Danzig kennenlernte; er sprach von den “Verrücktheiten” einer solchen Liebe “ in dieser Zeit”; dass seine “Mutter”, Emmy Zehden, weitere kriegsdienstverweigernde Glaubensbrüder in einer Gartenlaube in Berlin versteckt hielt; wie er von ihrer Hinrichtung in seiner Verhandlung vor dem Volksgerichtshof erfuhr; dass von diesem Moment an ihm eigentlich alles egal war ... und wie oft er sich gefragt habe, ob seine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern und damit sein Leben aufs Spiel zu setzen, die richtige war. Denn er habe nicht sterben wollen. Und er empfinde auch keine rechte Erleichterung darüber, dass er überlebt habe, denn eigentlich hätte er ja sterben müssen.
Als ich an jenem Abend nach Hause fuhr, ging ich wie selbstverständlich davon aus, die Erlebnisse von Horst Schmidt in sehr kurzer Zeit schriftlich nachlesen zu können. Ich hatte ein professionelles - als Historiker - Interesse, aber auch ein persönliches - als Kriegsdienstverweigerer - daran.
Über die Jahre kreuzten sich unsere Wege auf verschiedenen Veranstaltungen im In- und Ausland. Immer aufs Neue war ich beeindruckt von den Erzählungen Horst Schmidts, und obwohl ich die Kernaussagen mittlerweile kannte, hörte ich beständig Nuancen heraus, die das Gesamtbild für mich bereicherten. Nach den Veranstaltungen fragte ich daher Horst Schmidt, wann denn mit einer Veröffentlichung seiner Erinnerungen zu rechnen sei und las zu meiner Überraschung eine große Skepsis aus seinen Augen heraus.
Ende Februar 2001 tauschten wir uns beim Frühstück in einem Hotel in Bern intensiver über ein solches Projekt aus. Horst Schmidt berichtete mir, wohl habe er schon daran gedacht, seine Erlebnisse in der NS-Zeit schriftlich festzuhalten, aber leider sei es so, dass er sich an vieles schlicht und einfach nicht mehr erinnere; was ihn selbst verwundere, ja, ärgere, verzweifeln ließe. So sehr er sich auch bemühe, es sei, als entwische ihm die Erinnerung gerade in dem Maße und dies quäle ihn außerordentlich. Insbesondere frage er sich, warum er ausgerechnet an die Zeit in der Todeszelle, aber auch an die in den vielen anderen Zellen, in denen er gefangengehalten war, nur wenige Erinnerungen habe. Sei das doch das Wichtigste überhaupt gewesen  heute. Wir redeten über das, was man mit der “Angst des Opfers vor dem Vergessen” umschreiben kann, über Möglichkeiten und Versuche, Vorgehensweisen und Formen., Strukturen und Absichten.
So entstand dieser Text.
Er ist das Ergebnis einer mit großer Aufrichtigkeit erfolgten Selbstbefragung und Selbstvergewisserung und eines damit einhergehenden quälerischen Prozesses des Wiedererinnerns und Immervergessens.
Während der Arbeit an diesem Text verabredeten wir, dass es meine Aufgabe sein sollte, die autobiografischen Aufzeichnungen durch allgemeinere Angaben zu  vielleicht  unbekannteren Aspekten zu ergänzen: Der NS-Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas, aber vor allem die der Kriegsdienstverweigerung im Nationalsozialismus und der Skizzierung der Genese des Artikels 4 III des Grundgesetzes: “Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.”
Die kriegsdienstverweigernden Zeugen Jehovas im NS gehören nicht auch nicht nach ihrem Selbstverständnis  zu den ‘Vorläufern einer Friedensbewegung’. Allerdings verstellen andererseits die einseitigen Hinweise darauf, den Zeugen Jehovas ginge es ja bloß um eine politische Neutralität, den Blick dafür, dass sie als Christen in einer Zeit des “Massenschlafs des Gewissens” den Waffengebrauch gegen Mitmenschen und Völker ablehn(t)en und dass ihr Verhalten im Nationalsozialismus eine Wirkung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hinterlassen hat.
Das Thema “Kriegsdienstverweigerung in der NS-Zeit” verlockt zu aktuellen Stellungnahmen zu gegenwärtigen Entwicklungen und Ereignissen. Jedoch muss jede Generation ihre Antworten auf die Fragen ihrer Zeit finden. Biografien wie die von Horst Schmidt und unser Befragen der Zeitzeugen können uns indessen dabei helfen, Antworten zu finden und Aufrufen zum Mitläufertum zu widerstehen.

Hans Hesse, Hürth, im März 2003

Epilog

Ich bin nun 82 Jahre. Das Erinnern fällt mir schwer. Vor allem, weil man sich nicht gern an diese Zeit erinnert. Es kommen Gefühle hoch und man erkennt, dass vieles nur verdrängt wurde und unverarbeitet eigentlich noch bewältigt werden müsste. Das ist schwer und zu spät und manches lässt sich einfach nicht bewältigen. So stockt man oft, kann nicht weiter, will vielleicht auch nicht weiter, weil man von den Gefühlen überwältigt wird. Es ist auch die Frage nach dem “Warum”. Warum schreibst du dieses Buch und quälst dich dadurch so? Doch es muss wohl sein, angesichts der Tatsache, dass damals so unendlich viel Elend über die Menschen gekommen ist. Besonders über die Juden, aber auch über die Sinti und Roma, über politische Häftlinge, über die Fremdarbeiter, aber auch über uns Zeugen Jehovas. Ich denke oft an Elie Wiesel und zitiere gern seine Worte:

“Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass und
Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung und
Das Gegenteil von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn und
Das Gegenteil von Erinnern ist nicht Vergessen.
Das Gegenteil aller diese Dinge ist die Gleichgültigkeit.”

Dieser Gleichgültigkeit möchte ich entgegentreten, es darf einfach nicht geschehen, dass diese Dinge sich wiederholen. Und darum möchte ich unbedingt auch daran erinnern, dass es Menschen gab, die um ihres Glaubens willen in den Konzentrationslagern und Gefängnissen und Zuchthäusern inhaftiert waren. Und die um ihres Glaubens willen sogar hingerichtet wurden.
Elie Wiesel ist kein Zeuge Jehovas, Elie Wiesel ist Jude. Er hat als junger Mensch Auschwitz und Buchenwald überlebt. Aber er hat seine Mutter und seine Schwester verloren und auf dem Transport nach Buchenwald auch noch seinen Vater. Elie Wiesel hat gesagt, Gott habe es im KZ nicht gegeben und so hat er seinen Glauben an Gott verloren. Inzwischen soll er ihn aber wiedergefunden haben, was mich freut.
Wie oft sitzen meine Frau und ich schon am Frühstückstisch zusammen und stellen uns die Frage: “Wie ist es denn damals wirklich gewesen?” Es ist solange her. Was ist Wahrheit und Wirklichkeit, was wird zur Phantasie oder Dichtung? Nach 60 Jahren fangen die Dinge an zu verschwimmen. Wir aber möchten eng bei der Wahrheit bleiben. So holen wir dann oft genug aus der großen schwarzen Kiste der Erinnerung manches Geschehen hervor, was dann im Computer doch nicht auf der Festplatte erscheint und gleich in den “Papierkorb” wandert, weil wir uns nicht ganz sicher sind. Besonders schlimm jedoch ist, dass diese Erinnerungskiste ein großes Loch hat und was dort hindurchgerutscht ist, ist unwiederbringlich verloren. Das tut mir besonders leid.
Ich bin oft gewarnt worden, dieses Buch zu schreiben. Aus Sorge um mich. Man meint, ein Mensch könne daran zerbrechen. Das mag stimmen. Andererseits sagen auch viele Freunde, ich soll es schreiben. Aus den oben genannten Gründen. Ich habe lange geschwankt.
Mein Dank und meine Freundschaft gilt in besonderem Maße dem Historiker Hans Hesse. Ohne ihn wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Er hat nicht aufgehört zu mahnen, und so habe ich das schon in den Todesschlaf versetzte Manuskript wieder zum Leben erweckt. Ohne zu murren oder zu klagen hat er es in harter Arbeit von allen unwesentlichen Dingen befreit, ohne jedoch meine Erlebnisse, meine eigenen Worte und Sätze zu verändern.
Meiner Frau möchte ich dafür danken, dass sie mich immer wieder aufrichtete und tröstete, wenn die Erinnerungen zu stark wurden und mich niederdrücken wollten.

Horst Schmidt, Mülheim a. d. R., im Frühjahr 2003

Rezension von Michael Krenzer, in: Kirchliche Zeitgeschichte 1/2005, S. 247-250:

“Horst Schmidts Autobiografie bietet tiefe Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Menschen, der mit seinem Leben bereits abgeschlossen hatte. Es ist das sehr emotionale Buch eines Zeitzeugen, der heute mit sich hadert, weil er sich nicht mehr an alles erinnern kann.   ... Aktuelle Entwicklungen [...] zeigen, wie wichtig die Erinnerungen von Horst Schmidt sind.”

Literaturverzeichnis zu “Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas”

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