Augen aus Auschwitz
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Titel des Buches: “Augen aus Auschwitz - Ein Lehrstück über nationalsozialistischen Rassenwahn und medizinische Forschung - Der Fall Dr. Karin Magnussen” im Klartext Verlag, Essen 2001. 120 S., 47 Fotos, ISBN 3-89861-009-8, 12, 90 €.

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“Der Biologe darf sich [...] nicht auf sein enges Gebiet beschränken, sondern muss als Vorkämpfer für den rassischen Gedanken, ausgestattet mit dem Material seiner Wissenschaft, vordringen in andere Gebiete, um auch dort zur Weiterforschung mit neuen Erkenntnissen anzuregen. [...] Der Biologe hat die Pflicht der Jugend die Augen zu öffnen für die Bedeutung der Rasse in Geschichte und Gegenwart, in der deutschen Politik und in den großen Zusammenhängen der Weltpolitik.”

Es sind dies Worte einer Biologie-Lehrerin. Sie stammen aus ihrem Buch: “Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug”, das während der NS-Zeit drei Auflagen erlebte und sich explizit an Biologielehrer richtete.

Schreiben also Biologen Geschichte und machen sie nicht nur? Aus der Sicht der Rassistin Dr. Karin Magnussen zweifelsohne. 1909 geboren, wuchs sie in der Hansestadt Bremen auf, studierte in Göttingen, promovierte und gelangte 1941 schließlich an das renomierte Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem, in dessen Gebäude heute das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin untergebracht ist. Eine fulminate Karriere einer Parteigenossin (1931 Parteieintritt), die wissenschaftlich nichts vorweisen konnte.

In Berlin-Dahlem konnte sie freilich nicht nur theoretisieren. In ihrer wissenschaftlichen Praxis befasste sie sich mit Augen. Es resultierten daraus Projekte, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte. Eins befasste sich mit verschiedenfarbigen Augen (Heterochromie). Diese Menschen haben z.B. ein blaues und ein braunes Auge. Einem Kollege Magnussens war dies bei einer Sinti-Familie aus Norddeutschland aufgefallen. Nachdem er Magnussen darüber informiert hatte, bestellte sie sich diese Familienmitglieder in ihr Institut und machte Aufnahmen von diesen Augen. Ihr Pech: im März 1943 wurden die gesamte Familie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Ihr Glück: ein weiterer Kollege von ihr arbeitete dort: Dr. Dr. Mengele. Er versprach ihr, ihr die Augen der Opfer zukommen zu lassen, wenn sie einmal sterben sollten.
Dies geschah dann auch merkwürdigerweise ziemlich bald und nachdem Magnussen Menschenversuche an diesen Opfern durch Mengele hatte durchführen lassen. Er tröpfelte ihnen eine Flüssigkeit in die Augen, um dadurch die “störende Anomalie” zu beseitigen, wie Magnussen dem Autor Mitte der 90er Jahre mitteilte. Merkwürdig auch, dass alle Opfer nahezu gleichzeitig starben bzw. sterben mussten, denn der ungarische Pathologe Miklos Nyiszli, den Mengele in Auschwitz zwangsverpflichtet hatte, stellte nach der Obduktion fest, dass die Kinder durch eine Herzinjektion getötet worden waren.

Kurze Zeit danach hatte Magnussen die Augen in ihrem Institut auf dem Tisch liegen und fertigte von ihnen histologische Schnitte an.

Das Buch schildert diesen Fall ausführlich und dokumentiert eine rassistische Wissenschaft, die - gefördert durch öffentliche Gelder - den Tod ihrer Opfer einplante.

Magnussen kam nach 1945 wieder nach Bremen zurück. Sie unterrichtete unbehelligt an einem Bremer Gymnasium - Biologie...

Siehe dazu auch einen Aufsatz von mir:

- Hesse, Hans, Augen aus Auschwitz. Der Fall Dr. Karin Magnussen, in: Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens im 19. und 20. Jahrhundert, Heft 6, Dezember 2000, S. 55-64.

Bericht in der TAZ vom 12. September 2001 und in der HAZ vom 6. April 2002.

Rezensionen:
Thomas Meyer, Süddeutsche Zeitung vom 3./4. November 2001
:
“[...] Hans Hesses materialreiche und sachkundig verfasste Studie liefert allerdings kein `Lehrstück´, wie es im Untertitel heisst. Was wäre hier zu lernen? Karin Magnussens Forschung und ihre Unfähigkeit, die eigene Schuld einzusehen, müssen eingetragen werden in den Zusammenhang der Vorgeschichte und Geschichte der Forschung im Dritten Reich. Es geht um eine abgründige Allianz aus Fortschrittsglauben und wissenschaftlichem Ehrgeiz. Magnussens Vita ist ein weiteres Beispiel dafür, was möglich ist, wenn ethische Grenzen durch Ideologien eingerissen werden. [...]”
Günther Rohdenburg, in: Bremisches Jahrbuch Bd. 81, 2002, S. 231-232:
“[...] Hesse gelingt es, durch differenzierte Auswertung verschiedenster Aussagen und Quellen, den Anteil an Mitwissen und Verantwortung, den Karin Magnussen zu tragen hat, einzugrenzen und deutlich zu machen, dass sie sowohl Motor wie akzeptierende Nutzerin der unmenschlichen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten in diesem eng umgrenzten Bereich gewesen ist. Er erliegt nicht der Versuchung, aus den Rechercheergebnissen einen `spektakulären Fall´ zu machen, sondern schafft es, wohl abgewogen Analogien, klare Aussagen und Vermutungen zu einem insgesamt schlüssigen Gesamtbild zu fügen, den Lebensweg und die Verstrickung der Karin Magnussen darzulegen, Verdrängung und Rechtfertigung ihrerseits zu dokumentieren und ausbleibende Fragen ihres Umfeldes zu benennen. Es wäre zu wünschen, dass weitere Studien zu anderen `Magnussens´ vorgelegt werden, die `unter uns´ gelebt haben”.
Ralf Forsbach, in: Historische Zeitschrift, Bd. 276 (2003), S. 252f.:
“Detaillierte Schilderungen von Verbrechen sind häufig nur schwer zu ertragen, wenn in ihnen Opfer wie Täter zu Menschen mit individuellen Zügen werden. Eine derartige Schilderung hat der Hürther Historiker Hans Hesse vorgelegt. [...] In Hesses `Lehrstück´ werden nicht sämtliche Beweisketten lückenlos geschlossen. Bisweilen argumentiert der Autor mit Plausibilitäten oder lässt - nicht immer ganz eindeutige - Quellen ohne Erläuterung sprechen. Das von Hesse entworfene Bild des Falles Magnussen erfährt dadurch keine Trübung. Der schmale Band ist mit teilweise schockierenden Fotos ausgestattet; es fehlt ein Register.”
Michael Kaasch, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 9/2003, S. 866-868, S. 867:
“Hesse liefert eine Reihe von Belegen, dass Mengele, dem eine Vielzahl verbrecherischer Menschenversuche in Auschwitz zur Last zu legen sind, zumindest bei den erwähnten Augenexperimenten als verlängerter Arm des Forschungsinteresses seiner Berliner Kollegen vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik zu betrachten ist.”
Wolfgang Woelk, in: Neue Politische Literatur 3/2003, S. 492f.:
“Hans Hesse präsentiert eine insgesamt gelungene Untersuchung über die in der Forschung weitgehend vernachlässigte Wissenschaftlerin Karin Magnussen und ihre Verstrickungen in die nationalsozialistische Rassenpolitik. [...] Hesse schildert sehr quellennah und mit zum Teil sehr ausführlichen Quellenzitaten die Biografie von Karin Magnussen [...].” Die Kritik des Rezensenten zielt zum einen auf den Untertitel des Buches - “Auch ist die Frage zu stellen, worin denn das `Lehrstück´ bestanden haben soll?” - wobei der Rezensent meint, “moralisierende Begrifflichkeiten” seien unangemessen, und zum anderen auf das Titelbild mit den Fotos von Augen, das er als “Vermarktungsstrategie” interpretiert.

Die Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft, die sich die Aufarbeitung der “Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) im NS” zum Ziel gemacht hat, hat umfangreiche Ergebnisse in der Reihe “Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus” veröffentlicht. Insbesondere über das Kaiser-Wilhelm-Institit für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, an dem Magnussen ihre Forschungen durchführte, ist eine profunde Studie erschienen:
Hans-Walter Schmuhl, Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927 - 1945, Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Bd. 9, Göttingen 2005.
Die Forschungen Magnussens werden auf den Seiten 482-502 behandelt.
© by Hans Hesse

Literaturverzeichnis zur NS-Verfolgung der Sinti und Roma

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